Geschlechter, Tellerränder und Caravaggio

Caravaggio, Der ungläubige Thomas
Caravaggio, Der ungläubige Thomas
Nachdem ich jetzt längere Zeit nicht gebloggt habe, möchte ich das heute tun, um einige meiner Gedanken der letzten Zeit zu strukturieren und mitzuteilen. Nach meinem ausgiebigen sportlichen Einsatz in den ersten Monaten dieses Jahres, hatte ich Mitte August plötzlich Schmerzen am rechten Bein bekommen, die mich etwas gebremst haben. Da der Schmerz unregelmäßig und diffus war, über längere Zeit anhielt, und ich mich aber trotzdem irgendwie fortbewegen konnte, habe ich auf einen Arztbesuch verzichtet. Also habe ich beschlossen abzuwarten und mein Lernpensum etwas zu erhöhen.

In den letzten Monaten hatte ich unter anderem einiges über Lerntheorien gelesen, die ich abwechselnd ausprobieren wollte. Einmal das lineare strukturierte Lernen mit Büchern, andererseits das nicht-lineare spielerische Lernen. Also habe ich mein altes Diplomarbeitsthema reaktiviert. Es ging darum, warum der Mensch sich so verhält, wie er sich verhält, und wie man das systematisieren und messen kann. Ein sehr breites und interdisziplinäres Thema, also gut zum Üben beider Konzepte. Angefangen habe ich damit, alte Bücher nochmal zu lesen und zusammenzufassen. Die Manuskripte habe ich dann eingescannt, auf Pinterest gepostet, und mit Twitter und Facebook verknüpft. Könnte ja sein, daß ein historischer Schnellüberblick über die Materie für jemand nützlich ist. Dann habe ich ein paar Infografiken erstellt, um die elektronische Visualisierung zu üben, und das Gelernte anzuwenden. Dafür mußte ich natürlich erstmal Tools recherchieren. Aufgrund der Kritik der damaligen Autoren aller Fachbereiche an den Ergebnissen und Verfahren, sowie des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, hat sich in der Materie in den letzten Jahren natürlich sehr viel getan. Also habe ich angefangen mir Teilbereiche genauer anzuschauen, und diese zu aktualisieren. Teilweise wieder linear strukturiert, also mit Büchern, und teilweise spielerisch nicht-linear. In dem Bereich, in dem ich mich am wenigsten auskannte, und in dem es vielleicht die größten Fortschritte gibt, der Neurologie, habe ich angefangen einigen Quellen auf Twitter zu folgen. Da ich die Inhalte natürlich nicht verstand, habe ich den entsprechenden Hintergrund über Google recherchiert und Pearltrees angelegt, um das zu strukturieren.

Bei den linearen Verfahren ist man natürlich irgendwann an der Grenze der Aufnahmefähigkeit. Außerdem wird das passive Lesen ab einem bestimmten Punkt langweilig und monoton. Wenn man dann spielerisch weiter macht, erhöht sich der Spaßfaktor und die Motivation. Man muß dabei natürlich aufpassen, daß man sich in dem Labyrinth nicht verläuft. Wenn man dieses Gefühl hat, muß man eben wieder zurück in die Linearität. Inzwischen sitze ich morgens eigentlich nur noch da, und denke oder male Skizzen, um meine Erkenntnisse aus allen Quellen zu wiederholen und irgendwie zu verknüpfen. Diese ändern sich natürlich jeden Tag, da Neues dazu kommt, oder bestehendes Wissen oder Interpretationen modifiziert werden. Nachmittags nehme ich ein paar weitere Informationen auf. Dann schaue ich mir ab und zu Menschen an, und überlege mir ob gerade primär Basalganglien, Amygdala, Präfrontaler Cortex, Hippocampus oder was auch immer am Werk sind, warum, und wie die interagieren, mit welchem Ergebnis. Eine für mich ziemlich neue Erfahrung, wobei ich mich natürlich auch selbst therapieren muß. Dabei ereignen sich merkwürdige Dinge.

Gestern hatte ich eine Nachricht zum Thema geschlechterspezifische Funktionsunterschiede der visuellen Cortex über Twitter bekommen. Die visuelle Cortex hatte ich noch nicht. Also habe ich nachgeschaut, wie die funktioniert, einen Pearltree angelegt und ein bisschen gegoogelt. Dabei habe ich als erstes einen Artikel über Dyslexie gefunden, die mit der visuellen Cortex zusammenhängt. Zufrieden mit dem Gelernten, habe ich mir dann überlegt mal etwas Neues zu machen, wo anders essen zu gehen als sonst, und bin Richtung Weyertal gelaufen. Dort bin ich in ein Restaurant, das nach gutbürgerlicher Metzgerei aussah. Nach dem Essen wurde mir erzählt, daß es sich hierbei um einen Inklusionsbetrieb handle. Da viele Menschen mit Dyslexie dort beschäftigt sind, arbeitet man dort mit Farben auf der Karte, den Tellern und an der Kasse. Wunderbar, habe ich gerade noch gelesen, warum das so ist. Dann bin ich zum Albertus Magnus Platz und habe Kaffee getrunken. Dort waren Leute mit Language Music Cognition Badges. Verstehe, Wernicke hinten, Aufnahme, Broca vorne, bei PFC, Syntax und Formung. Hatte ich auch irgendwann diese Woche. Dann kamen viele Menschen. Alle ziemlich gut gekleidet, und sind ins Hauptgebäude der Universität geströmt. Hab mir dann gedacht, da ist bestimmt was mit Wirtschaft und bin einfach mal hinterher gelaufen. Es war die Abschiedsvorlesung von Professor Erdmann, Lehrstuhl für innere Medizin und Gründer des Herzzentrums. Die Laudatoren würdigten zunächst insbesondere seine Verdienste um die Integration von Forschung, Lehre und Klinik sowie sein großes fachspezifisches aber auch -übergreifendes Engagement. Er selbst nutzte Caravaggios unbläubigen Thomas als Metapher für sein Wirken, da er das ständige Hinterfragen von angewandten Methoden, herrschenden Meinungen, aktueller Entwicklungen und politischer Entscheidungen als wesentlichste Faktoren seines Erfolges beschrieb. Hinzu kommt die Sicherstellung einer breiten Wissensbasis und der fortwährende und intensive fachliche Austausch, insbesondere zur Integration neuer Erkenntnisse. Hierzu nannte er einige Beispiele, die ich auch halbwegs verstanden habe. Er wirkte auf mich dabei sehr ruhig, dennoch etwas rebellisch und spitzbübig, also sehr angenehm, mit der großen Gabe, Zugänge nicht nur über Kardiokatheder herzustellen. Etwas emotionaler wurde er bei politischen Themen wie Positivliste und Telemedizin. Am Beispiel der Positivliste rügte er die oft mangelnde (wissenschaftliche) Prüfung von Zusammenhängen. Bei der Telemedizin äußerte er Bedenken aufgrund der Technologisierung der Behandlung, da ein Mensch medizinisch ganzheitlich gesehen, gehört und “begriffen” werden muß.

Sicherlich ist die Medizin in einigen zentralen Faktoren schon weiter als die Betriebswirtschaft. Die Integration von Forschung, Lehre und Praxis scheint besser zu funktionieren, ebenso das ständige Lernen, Hinterfragen und die übergreifende Kooperation, auch das zeitkritische Handeln. Ein Arzt kann hierzulande keine Modelle aus 1898 einsetzen, wie das im Marketing mit AIDA noch oft gemacht wird, da es einfacher ist. Ebenso kann er seine Patienten nicht nur technologisch behandeln, was in der Betriebswirtschaft inzwischen auch oft gemacht wird, weil es Kosten spart, aber eventuell langfristig die Sterblichkeit erhöht. Wäre zu wünschen, daß sich die Spieltheoretiker in Wirtschaft und Gesellschaft doch noch durchsetzen, und ein bisschen mehr kooperiert, dafür weniger gekämpft und polarisiert wird.

Danach gab es noch ein bisschen Sixpack. Geschlafen habe ich gut. Thalamus funktioniert. Soweit zum Status meines “aufgezinsten Hippocampus” würde wohl Eagleman sagen. Nach Kahneman ertrage ich das Chaos zuversichtlich. Der Schmerz in meinem Bein ist übrigens fast weg. Basalganglien sagen: Erstmal ein bisschen bewegen. Langsam und schnell.

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