Zelte, Erdbeeren und die Innenarchitektur

Vergangenen Freitag habe ich an einer Informationsveranstaltung diverser entwicklungspolitisch tätiger Organisationen teilgenommen: “Engagement fairbindet“. Zur Verarbeitung der vielen Eindrücke und Gedanken hier ein paar Zeilen dazu. Wie viele Menschen befasse ich mich derzeit verstärkt mit internationalen, ökonomischen und sozialen Themen und Zusammenhängen. Aus diesem Grunde  folge ich unter anderem auch diversen Einrichtungen aus diesen Bereichen auf sozialen Medien. Über Facebook habe ich von der Veranstaltung erfahren, und mich spontan registriert. Auf den ersten Eindruck war ich überwältigt von der Vielzahl der Organisationen, die auf diesem Gebiet tätig sind: Staatliche Einrichtungen verschiedener Ebenen, politische und private Stiftungen, Verbände, Medien, die freie Wirtschaft und private Initiativen. Die 50 Aussteller präsentierten sich und ihre Projekte auf einem Parcours, der 12 thematische Schwerpunktzelte und eine Veranstaltungsbühne verband.

Nach der Akkreditierung in das Anwesen, das mir aus meiner Jugend noch bestens als Kanzleramt bekannt ist, erreichte ich als erstes das Zelt “Kochen”. Dieses jedoch zugegebenermaßen nur deshalb, da ich das Zelt des Mittelstandes auf dem Weg dorthin etwas zu langweilig fand, und deshalb ignorierte. Dort wurden exotische Gerichte zubereitet, und mit den Informationen garniert, um die es eigentlich ging. Ein Drittel der Weltbevölkerung besitzt keinen effizienten Kochherd sondern nur über gesundheitlich und ökologisch bedenkliche Feuerstellen. Ungefähr genauso viele verfügen über keine ausreichende Sanitärversorgung. 850 Millionen Menschen verfügen über kein sauberes Trinkwasser. Andererseits werden zur Herstellung einer Tasse Kaffee 150 Liter Trinkwasser benötigt. Auf dem Stand wurden dann Möglichkeiten präsentiert das Kochen weniger gesundheits- und umweltschädlich zu gestalten und trotzdem einfach zu halten. Die Kochtöpfe mit Sonnenreflektoren beispielsweise erinnerten mich etwas an Satelliten, und sind wohl ebenso effizient.

Im nächsten Zelt, das ich besuchte, präsentierten die Veranstalter Menschen, die über ihre Erfahrungen aus der Entwicklungspolitik sprachen. Während meiner Anwesenheit erzählte ein ehemaliger Entwicklungshelfer in Nepal über seinen Einsatz dort, und seinen weiteren Lebensweg bei der GIZ, die wirtschaftliche Zusammenarbeit von Unternehmen initiiert und fördert. Im nächsten Zelt waren die Einrichtungen zur Förderung des Wissensaustausches gebündelt. Ich nahm an einem Test Teil, der an die Fernsehsendung “Risiko” mit Wim Thölke angelehnt war, und erzielte Null Punkte gegen ein Pärchen als Gegenspieler, das zufälligerweise eine Frage richtig beantwortete. Die Regeln waren jedoch sehr streng. Bei Schätzfragen mußte man beispielsweise die exakte Antwort wissen. Zum Beispiel: “In wie vielen Ländern wurde die Hochzeit von William und Kate übertragen”? Das hatte ich zwar des Öfteren gelesen, mir wollte aber die genaue Zahl nicht einfallen. Weiter zum nächsten Zelt mit dem Schwerpunkt “Partner Afrika”. Dort fand ich die Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) am interessantesten. Diese hatte ich vorher noch nie gesehen, kurz überflogen und eine mitgenommen. Im Zelt der Wirtschaft konnte ich spontan am meisten mit dem Stand der Industrie- und Handelskammern anfangen. Das lag vielleicht auch daran, daß mir deren internationales Netzwerk zumindest schon ansatzweise bekannt war, und ich vermute, daß deren Infrastruktur noch zu wenig genutzt wird. Zumindest ist die Bibiliothek in der Kölner Niederlassung meistens leer, obwohl sie wahrscheinlich zu vielen Themen die aktuellsten Bücher hat, und am besten klimatisiert ist. Weiter zum Pavillon der Zivilgesellschaft. Dort wurden für mich zunächst unzählige Möglichkeiten für Einzelne vorgestellt, sich beruflich und privat zu engagieren, temporär und dauerhaft.

Die Stiftungen im Zelt gegenüber boten eine Vielzahl von Publikationen zu unterschiedlichsten Fragestellungen, unter Betrachtung aus den verschiedenen politischen Blickwinkeln. Auch hier gab es für mich Einsichten, die mir bisher noch nie in derartig aufbereiteter und zusammenhängender Weise präsentiert wurden. Der tagtägliche Schlagabtausch konzentriert sich ja vorwiegend auf Detailthemen, aus denen man sich als Durchschnittsbürger in der Regel selbst ein Gesamtbild verfasst, sofern man noch in der Lage ist, die Vielzahl der Informationen noch zu strukturieren und zu integrieren. Auf der Side Event Bühne berichtete Wolfgang Niedecken von seinen Erfahrungen aus Afrika. Hatte ich schon mal gelesen, also weiter zu den Medien.

Im Zelt der Deutschen Welle fand gerade ein Panel statt, das sich mit der veränderten Kommunikation im Zeitalter sozialer Medien befasste. Die Vertreterin einer Hilfsorganisation äußerte sich skeptisch aufgrund der erhöhten Arbeitsintensität und Dynamik, zunehmender Rechenschaftserfordernisse und der geringeren Kontrolle über die verbreiteten Informationen. Zudem stellte sie einen Zusammenhang des digitalen Engagements mit tatsächlichem Engagement in Frage. Ein Markenberater konterte mit Reichweite, TKPs, Funnels und CPOs. Der Dritte im Bunde ein Filmemacher aus dem arabischen Raum argumentierte mit dem zunehmenden Gewissen und der Verantwortung der Bevölkerung durch soziale Medien. Es gab keine Fragen an die Panelisten. Auf einer Photowand konnte man sich durch Vervollständigung des Satzes “Die Welt wäre besser wenn …” integrieren. Es gab schon sehr viele Antworten, und mein Gehirn war gerade nur im Aufnahmemodus. Aus diesem Grunde habe ich auf eine Beteiligung verzichtet. Vielleicht würde mir ja heute etwas einfallen. Apropos Aufnahmemodus. Als ich es endlich zu den frischen Erdbeeren geschafft hatte, gab es keine mehr. Also Bratwurst. Die DW Volontäre liefen mit Kameras, Mikrophonen und Handys durch die Gegend, und arbeiteten fröhlich an ihrem Blog.

Auf der Hauptbühne stellten die Bundesminister Niebel und Westerwelle das neue Logo für deutsche Entwicklungszusammenarbeit vor. Hintergrund ist, daß seit Jahrzehnten über einen gemeinsamen Aussenauftritt deutscher Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit diskutiert wird, aber erst jetzt realisiert werden konnte. Die Priorität erhielt das Projekt durch mehrere Faktoren:  Erstens, befinden sich die einzelnen Organisationen ja auch im Wettbewerb zueinander, was deren Kommunikation untereinander wohl häufig erschwert, um es moderat auszudrücken. Ein gemeinsamer Aussenauftritt soll kooperationsfördernd wirken und die Kohäsion erhöhen. Zweitens, berichtete Niebel von Afrikareisen bei dem ihm höheres deutsches Engagement angeboten wurde, wo es bereits hohes deutsches Engagement gab. Dieses war nur nicht sichtbar, da lediglich die Organisation in Erscheinung trat. Auch hier soll sich ein gemeinsamer grafischer Auftritt hilfreich erweisen. Drittens, soll das Engagement von Privatpersonen und der Wirtschaft erhöht werden, was mit einer “Dachmarkenstrategie” im ersten Schritt größere Impulse erhalten dürfte, als durch die unzähligen budgetarmen Maßnahmen rivalisierender Organisationen, mit wahrscheinlich suboptimalem Gesamtergebnis. Zur weiteren Erhöhung der Präsenz des Themas in der Bevölkerung, soll die Veranstaltung nächstes Jahr am selben Tag in 50 deutschen Städten durchgeführt werden, und eine umfangreichere Beteiligung der Medien erfolgen. Zur weiteren Priorisierung, sicherlich auch aufgrund der Dynamik der globalen Entwicklung und der veränderten Rahmenbedingungen, wurde ein Innovationsbeirat gegründet, der sich laufend mit neuen Denkansätzen befassen soll. Der für die Veranstaltung zuständige Staatssekretär, der irgendwie auf allen Hochzeiten des Tages tanzen mußte, merkte im weiteren Verlauf etwas angestrengt an, daß die Reformwut des Ministers weiterhin ungebrochen sei. Vielleicht hätte ich an seiner Stelle auch nicht von Innovationsfreude gesprochen.

Zeit für eine Pause im Foyer des BMZ. Dort war eine Ausstellung von selbst gebasteltem Spielzeug von afrikanischen Kindern zu sehen, das aus Müll erstellt wurde. Auf den Erläuterungstafeln waren Dinge wie “Kongo eines der rohstoffreichsten Ländern Afrikas ist auch eines der ärmsten. Erste freie Wahlen fanden 2006 statt. Das Durchschnittseinkommen beträgt 160 Dollar pro Jahr”. Die Kombination dieser Müllspielzeuge, der Schilderung der politischen und wirtschaftlichen Zustände in diesen Ländern, mit dem Labyrinth aus Gängen des ehemaligen Kanzleramts löste in mir intensive Orientierungsreflexe aus. Eine ältere Dame meinte, daß man die Kinder hier öfter diesen Situationen aussetzen sollte, um eine Relativierung zu erreichen, beklagte sich aber gleichzeitig über Müllimporte aus Indien nach Deutschland, die wohl derzeit diskutiert werden. Ich entgegnete mit der Innenarchitektur des Gebäudes und deren Wirkung auf das menschliche Gehirn. Worauf sie wieder mit der zunehmenden Individualisierung konterte.  Wir einigten uns darauf einen Mittelweg zwischen Betroffenheit und Gleichgültigkeit anzustreben, und ein gemeinsames Buch zu schreiben, falls wir uns nochmal begegnen sollten.

Auf der Hauptbühne stand veränderte Kommunikation im digitalen Zeitalter auf dem Programm, was ich mir anhören wollte. Offenbar wurde aber kurzfristig mit dem Fashion Panel getauscht. Hier ging es primär um fairen Handel und Mode, was ich nicht so spannend fand. Danach gab es Women Empowerment mit Rita Süßmut. Sie hat wohl vieles nicht nur zu diesem Thema, ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Besonders am Herzen lag ihr das duale Ausbildungssystem, das sich wohl inzwischen weltweit als Exportschlager herausstellt, und die viel zu wenig erschlossenen Potenziale der Wirtschaft im Rahmen der sich immer mehr von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungszusammenarbeit geprägten Situation, mit erst zu erahnenden weiteren Konsequenzen. Mein Informationsbedarf war zunächst gedeckt, und ich begab mich den Rhein entlang zurück zum Bahnhof. Es waren viele Jogger unterwegs. Und nach ein paar Metern stellte ich fest, daß Straßenschuhe einfach unpraktisch und unbequem sind, habe es dann aber doch irgendwie damit zum Zug geschafft. Sicherlich noch sehr viel zu tun, für alle, auch mental. Sage ich jetzt mal so einfach kurz vor der EM.

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