Heiß.

Auch im Viertelfinalspiel gegen Argentinien konnte die deutsche Nationalmannschaft einen sicheren Sieg verbuchen. Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. Der Gewinn bedeutender Fußballspiele hat in der Bevölkerung stark aphrodisierende Wirkung. Dem Spaßfaktor und der Geburtenquote sei es gegönnt. In Köln findet zudem am Wochenende Deutschlands größter Christopher Street Day statt.

Afrika ist ja sowieso, wie wir spätestens seit der Aufklärung durch das Fürstenhaus von Thurn und Taxis wissen, grundsätzlich ein sehr “schnackselfreudiger” Kontinent, nicht nur in der Ehe. Tatsächlich hat Südafrika mit über 18 Prozent der Bevölkerung, was 5,6 Millionen Menschen entspricht, die meisten HIV-Infektionen weltweit. Täglich infizieren sich noch über 1.000 Menschen neu, genauso viele sterben täglich an der Immunschwäche. Trotz der rasanten Verbreitung der Seuche wurde diese durch die Politik lange Zeit dramatisch verharmlost. Die Gesundheitsministerin des Landes in der Regierung des letzten Staatspräsidenten Thabo Mbeki, der von 1999 bis 2008 im Amt war, sprach von Knoblauch, Rote Bete und Olivenöl als wirksame Gegenmittel. Er selbst stritt aufgrund eigener Internet-Recherchen den wissenschaftlich fundierten Zusammenhang zwischen HIV und AIDS ab, und untersagte wirksame Medikationen für die Bevölkerung. Die Warnungen seines Vorgängers Nelson Mandela, daß durch AIDS mehr Personen das Leben verlieren könnten, als in beiden Weltkriegen zusammen, wurden nicht nur ignoriert, sondern abgestraft, selbst nachdem der letzte Sohn des Friedensnobelpreisträgers von 1993 im Jahr 2005 an AIDS verstarb. Der jetzige Präsident Zuma beteuerte in einem Strafverfahren 2006, also vor seiner Amtszeit, in dem ihm die Vergewaltigung einer HIV positiven AIDS-Aktivistin vorgewurfen wurde, er hätte sich nach dem Geschlechtsverkehr geduscht, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Heute ist Zuma mit drei Frauen verheiratet, hat offiziell 20 Kinder, 34 inoffiziell, und bekennt sich zu regelmäßigem ungeschütztem Verkehr mit wechselnden Partnerinnen. 1998 wurde eine seiner Ehen geschieden, 2000 beging eine seiner Frauen Selbstmord. In Interviews beteuert er jedoch, daß er genug Liebe für alle Frauen habe, weshalb er sich gerade auf eine weitere Ehe vorbereitet.

Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger, Thabo Mbeki, Absolvent einer englischen Elite-Uni und Pfeifenraucher, der als abgehoben und fern den Sorgen der Townships galt, wuchs Zuma in ärmlichen Verhältnissen auf, brach die Schule ab, um Ziegen zu hüten, lernte im Gefängnis lesen und schreiben, und hatte in seiner politischen Laufbahn mit zahlreichen Korruptionsvorwürfen zu kämpfen.

Trotz seiner fragwürdigen Herkunft, Familienverhältnisse und Sexualpraktiken hat das Gesundheitsministerium des Landes nach seinem Amtsantritt im Mai 2009 erstmalig offizielle HIV-Statistiken vorgelegt. Davor war es dem statistischen Amt untersagt AIDS als Todesursache zu erwähnen, genauso war es verboten öffentlich über die Krankheit zu sprechen, weshalb sie einfach nicht existieren sollte. Ebenso legte er erstmalig Regierungsprogramme zur Aufklärung und Bekämpfung von HIV auf. Nachdem er sich zunächst weigerte, hat er sich selbst im April diesen Jahres zum Start der Kampagne einem HIV-Test unterzogen, und das negative Ergebnis öffentlich verkündet, um das Stigma und die Stille um die Krankheit auszumerzen. Er kündigte an, die Versorgung aller AIDS-Kranken mit kostenlosen Medikamenten zu gewährleisten. Für sich selbst lehnte er jedoch immernoch und öffentlich den Gebrauch von Kondomen ab, wodurch er zunehmend in die Kritik gerät.

In Deutschland befinden wir uns in einer anderen Situation. Die Neuinfektionen stagnieren im Vergleich zu Südafrika auf niedrigem Niveau. Aufklärungsarbeit und Kampagnen zeigen ihre Wirkung. Von einer Entstigmatisierung sind wir jedoch weit entfernt. Ganz im Gegenteil: Der Fall Nadja Benaissa wurde von den Medien als reißerische Hexenjagd zelebriert. Mit Worten wie Moral, Schuld, Sünde und Strafe wurde jongliert. Die Folge waren steigende Ängste in der Bevölkerung und ein Rückschritt in Richtung Tabuisierung. Für die Einen wird hierdurch die unbequeme Hürde einen HIV-Test durchzuführen deutlich erhöht, für die Anderen die Bereitschaft mit einem positiven Ergebnis offen umzugehen. Spätestens seit dem Tod von Robert Enke wissen wir auch, welche Folgen Angst vor Stigmatisierung haben kann. Unverständlich auch aufgrund der Tatsache, daß jeder sich selbst durch Krankheit, Unfall oder andere Faktoren schneller, spätestens jedoch im Alter, in einer stigmatisierten Gruppe wiederfinden kann und wird.

Die Verhältnisse in Südafrika sind also nur begrenzt mit denen in Deutschland vergleichbar. Südafrika ist durch eine starke Spaltung zwischen arm und reich, schwarz und weiß, und mangelnde Bildung in großen Bevölkerungsschichten gekennzeichnet, was zu großen Konfliktpotenzialen führt. In Deutschland haben wir es jedoch mit einer steigenden Individualisierung und Fragmentierung der Gesellschaft zu tun, in der es immer schwieriger werden wird, Mehrheiten und kollektive Nenner zu finden. Dies zeigt sich sowohl in der sozialen, politischen als auch in der Medienlandschaft. Grabenkämpfe und Stigmatisierungen jeglicher Art werden sich künftig immer mehr als kontraproduktiv erweisen, da sie aufgrund fehlender Mehrheiten nicht nur eine tiefere Spaltung herbeiführen, sondern auch zu neuen Gruppierungen oder Agressivität führen, und somit die gewachsenen Strukturen nicht stabilisieren, sondern gefährden.

Gewinnen wird künftig gesellschaftlich nicht das, was Abgrenzungen schafft, und  vehement eigene Standpunkte durchsetzt, sondern das, was diese erläutert und wertneutral möglichst viele andere Sichtweisen zuläßt, vermittelt, oder es sogar vermag, diese zu integrieren. Nur so entsteht Offenheit, Transparenz, der Abbau von Ängsten und Gewaltbereitschaft, was erst ein Zusammenleben in modernen freiheitlichen Gesellschaften ermöglicht. Musik, aktiver Sport, Tourismus und Technologie sind Beispiele die diese Entwicklung fördern.

Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Organ unseres Körpers, wir nutzen es jedoch oft mechanisch wie eine Schallplatte, anstatt neue andere Regionen zu erforschen, und zu nutzen, die uns nach innen und nach außen neue Perspektiven ermöglichen.

Erst hierdurch ist die Entwicklung jedes Einzelnen und somit des Gesamten möglich.

Weiterführende Links:

HIV in Deutschland: Kardinal Meisner und Gloria von Thurn und Taxis

Politische Geschichte zu HIV in Südafrika

Der Fall Nadja Benaissa und die Folgen

HIV-Test von Zuma

Definition Stigmatisierung

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