Red Flag!

Die Freude über den Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Achtelfinale ist groß. Lediglich die Fehlentscheidung des Schiedsrichters bezüglich des 2. Tors des englischen Teams trübt die Stimmung. Argentinien wurde im Spiel darauf ein Abseitstor anerkannt. In diesem Zusammenhang ist eine neue Diskussion über das lang diskutierte Thema Videoentscheid entbrannt. Tatsächlich leben wir inzwischen im 21. Jahrhundert, das maßgeblich auch von rasantem technologischem Fortschritt und hoher Innovationsgeschwindigkeit geprägt ist, wodurch traditionelle Verfahren zunehmend abgelöst werden.

Mich erinnert das Beibehalten von Schiedsrichterentscheidungen an das Red Flag Act, das im konservativen England, dem Mutterland des Fußballs, um 1865 eingeführt wurde. Dieses besagte, daß vor jedem motorisiertem Fahrzeug eine Person mit einer roten Fahne vorauslaufen mußte, um Bevölkerung und Pferde zu warnen. Die Ängste der Bevölkerung gegenüber der neuen Technologie waren jedoch nur vorgeschoben. Tatsächlich handelte es sich um den Schutz der damals sehr einflußreichen Pferdelobby in England, die durch die sich abzeichnende Automobilisierung stark an Bedeutung verlieren sollte. Die Unfallstatistik wurde dadurch nicht verbessert.

Vergleichbare gesetzliche aber auch ökonomische Hürden wurden bereits vorher und auch nachher überall auf der Welt eingesetzt, um in Marktstrukturen und -entwicklungen zugunsten bestimmter Anspruchsgruppen einzugreifen.

Zurück zum Fußball: Inzwischen werden Fußballspiele nach weit vielfältigeren und technologisch perfektionierten Methoden ausgewertet, als das durch Schiedsrichterentscheidungen und Kommentatoren möglich ist. Diese bilden heute bereits das “Ausgangsmaterial” für die Fernsehanstalten, das dann gefiltert und kommentiert an die Zuschauer weiter gegeben wird. Im Zuge der weiteren Digitalisierung und Entwicklung des interaktiven Fernsehen werden die neuen Technologien künftig auch in Privathaushalten einsetzbar sein. Harun Faroki zeigt uns mit seiner Analyse des Finalspiels der WM 2006 in der Installation Deep Play eindrucksvoll, in welche Richtung wir uns bewegen könnten. Wir werden auf unserem Bildschirm künftig nicht nur die Kameras und Kameraeinstellungen in und um Stadien individuell steuern, sondern auch parallel von uns gewünschte Analysen des Spielverlaufs vornehmen, und mathematische sowie statistische Auswertungen erstellen und sehen können. Diese Entwicklung wird eine Vielzahl von weiteren Innovationen nach sich ziehen: Simulationen, Archive, Trainingsprogramme, Spiele und viele weitere Anwendungsmöglichkeiten werden sich auftun, wenn das eigentliche Match bereits abgeschlossen ist.

Die Herausforderungen auf dem Weg dorthin werden nicht primär in der technologischen Entwicklung liegen, sondern im ökonomisch politischen Raum überwunden werden müssen. Die Public Viewing Policy der Fifa im Vorfeld dieser Weltmeisterschaft gibt uns einen Eindruck der Komplexität der Zusammenhänge. Die Interessen der Fernsehsender an einer möglichst großen Einflußnahme und Monopolisierung des ausgestrahlten Programms liegen ebenfalls auf der Hand. Die Red Flags auf dem Weg zu individuellem und selbstbestimmtem Fußballgenuß auf unserem heimischen Bildschirm werden nur dann überwunden werden können, wenn die Bereitschaft zur Veränderung von allen Beteiligten in Kauf genommen wird. Fifa, UEFA und auch Fernsehsender als ökonomisch handelnde Organisationen werden nur dann die Entwicklung mittragen, wenn sie dadurch keine finanziellen Einbußen erleiden müssen; die werbetreibende Wirtschaft nur dann, wenn ihr durch die neuen Technologien dieselben, wenn nicht sogar deutlich verbesserte Möglichkeiten der Marktkommunikation zur Verfügung stehen. Mit Sicherheit wird sich hierfür die gesamte Wertschöpfungskette der Kommunikation rund um das Thema Fußball verändern müssen, was wir bereits im Zuge der Digitalisierung gelernt haben. Wir haben daraus jedoch auch gelernt, welche Wachstumsimpulse und Schneeballeffekte entstehen können.

Spätestens wenn alle diese Hürden überwunden sind, wird sich die Diskussion über Schiedsrichter- oder Videoentscheid auch erübrigt haben.

Weiterführende Links:

Aktuelle Diskussion zum Videobeweis

Red Flag Act

Deep Play

Ausstrahlungsrechte der Fifa

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