Das Wetter!

Leider ist dem deutschen Fußballteam gegen Serbien eine Fortsetzung des Erfolgs seines ersten Spiels bei dieser Weltmeisterschaft nicht gelungen. Auch vom Wetter Mitte Juni hatten wir uns mehr erwartet: 13 Grad, bedeckt, etwas windig und leicht regnerisch war es auf meinem Balkon.

In diesem Zusammenhang ist wieder zu erkennen, wie stark kurzfristige externe Faktoren Stimmung, Verhalten und somit auch Konsum prägen, wovon ganze Industriezweige betroffen sind. Beispiel Wetter: Am stärksten betroffen sind sicherlich die Branchen Tourismus, Energie, Verkehr, Sport, Freizeit, Getränke und Bekleidung. Grundsätzlich sind jedoch alle Sektoren von den Stimmungen oder Gewohnheiten abhängig, die das Wetter bei Verbrauchern auslöst, die Mediennutzung eingeschlossen. Ein vorzeitiges Ausscheiden des deutschen Teams aus der Weltmeisterschaft würde in vielen Bereichen noch weitere Umsatzeinbußen zur Folge haben, als das schlechte Wetter bereits hat.

Da jeder Investition und Preiskalkulation eine solide Ausgaben- und Einnahmenplanung zugrunde liegen sollte, um diese zu rechtfertigen, sieht man, mit welchen Schwierigkeiten es Unternehmen zu tun haben, da viele Dinge, wie das Wetter oder Fußballergebnisse einfach nicht planbar sind. Experten schätzen den direkten Einfluß des Wetters auf das Bruttosozialprodukt in Deutschland auf zwischen 10 und 20 Prozent. Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt von Ghana beträgt ca. 1 Prozent des deutschen.

In diesem Zusammenhang kommt dem Finanzsektor eine immer größere Bedeutung zu, Mechanismen zu entwickeln, die diese gefährliche Schwankungen auffangen, und somit das Überleben von Unternehmen sichern . Vielzählige Finanzinnovationen ermöglichen Unternehmen die Absicherung gegen Risiken in Form von Umsatzausfällen oder Preisschwankungen. Beispielsweise sichern sich so Luftfahrgesellschaften die Kerosin-, oder Stahlhersteller die Erzpreise. Schankungen müssen somit nicht über den Preis weitergegeben werden. Durch die Integration in Entwicklungshilfeprojekte sichern Wetterversicherungen und -derivate inzwischen auch bereits Millionen afrikanischer Kleinbauern die Existenz.

Ein Rückblick in die Vergangenheit macht die Entstehung der Finanzinnovationen deutlich. Ein deutsches Unternehmen, das nach dem 2. Weltkrieg ein Kraftwerk irgendwo auf der Welt erstellen wollte, mußte bei der Kalkulation nicht nur Wetter- und Arbeitsausfallrisiken, sondern auch Wechselkursrisiken, Risiken bei den Rohstoffpreisen, oder gar Zahlungsausfallrisiken und politische sowie gesetzliche Änderungen im Auftragsland einkalkulieren, und dabei noch weltweit wettbewerbsfähig bleiben. Dies mußte ohne den Einsatz moderner Informationstechnologien geschehen. Außerdem war das gesamte Projekt vorzufinanzieren, da es üblich war, erst bei Schlüsselübergabe zu bezahlen, oder später. Dies erforderte einen erheblichen Finanzsockel, den viele Unternehmen einfach nicht hatten. Aus diesem Bedarf heraus entstand in den 50er Jahren die Exportfinanzierung, damals maßgeblich von der staatlichen KfW betrieben, die Projekte vorfinanzierte und somit viele langjährige Vorhaben erst ermöglichte. Die Absicherung gegen Zahlungsunfähigkeit des Abnehmers übernahmen Kreditversicherer. Mitte der 60er Jahre stiegen zunehmend private Anbieter in den lukrativen Markt der Exportfinanzierung ein. Sie begannen Innovationen zu entwickeln, die einerseits die Wirtschaft mit besseren Ressourcen ausstatteten, andererseits vor Risiken schützten, und diese besser kalkulierbar- und handelbar machten. Durch den Zusammenbruch des Weltwährungsabkommens in den frühen 70er Jahren, der die freie Schwankung von Wechselkursen zur Folge hatte, entstanden weitere erhebliche Risiken, die durch neu aufkommende Währungsderivate aufgefangen werden konnten, und somit Beeinträchtigungen im boomenden Export verhinderten.

Die schnelle Entwicklung der Informationstechnologien in den 80er Jahren führte zu einer stärkeren Strukturierung, optimierten Preisbildung und somit verbesserten Handelsfähigkeit der bereits vielzähligen Derivate. Nachdem in den Anfangsjahren  einfache Marktrisiken wie Aktien- oder Währungsprodukte gehandelt wurden, kamen später auch Derivate auf Zinsen, Kreditausfälle, Rohstoffe, Lebensmittel oder auch das Wetter hinzu.

Die zunehmende Globalisierung und Digitalisierung Anfang der 90er Jahre begünstigte diese Entwicklung und deren Innovationsgeschwindigkeit. Derrivate wie Zertifikate, Optionen, Futures und Swaps sprossen wie Pilze aus der Erde. Selbst einem durchschnittlich begabten BWL-Studenten der 80er-Jahre mit Studienschwerpunkt Finanzierung, wurde es fast unmöglich, sich einen objektiven umfassenden Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten zu verschaffen, so daß deren Einsatz auf wenige Unternehmen und Bevölkerungsschichten begrenzt blieb.

Aus einem vorher eher langweilig empfundenen Bereich, entwickelte sich einer der kreativsten Sektoren unserer Wirtschaft, was 2008/2009 in einer existenziellen Krise der Finanzmärkte mündete, da der Markt die Kontrolle über die neuen Instrumente verloren hatte. Ursächlich dafür war das bisher nicht gekannte Zusammenspiel der einzelnen Faktoren, die starke Abstrahierung der Werte, und somit stark ausgeweitete und hoch riskante Spekulationen. Die darauf folgende Diskussion über Regulierung oder Deregulierung stellt sich als mühsam dar. Einerseits könnten riskante und gefährliche Derivate verboten werden, andererseits bergen Regulierungen aufgrund des globalen Kapitalverkehrs und der hohen Geschwindigkeit und Kreativität bei der Gestaltung von Finanzprodukten andere Risiken. Clearing-Stellen für Derivate, die in diesem Jahr noch eingerichtet werden, erhöhen zunächst die Transparenz und reduzieren das Risiko gefährlicher Spekulationen. Weitere Entscheidungen im politischen Raum sind abzuwarten.

Was lernen wir daraus? Finanzinnovationen können der Wirtschaft nicht nur große Impulse geben, sondern sind in der hoch volatilen Gegenwart und Zukunft unverzichtbar . Wesentlich für eine weitere positive Entwicklung ist die Erhöhung der Transparenz, die stärkere Strukturierung der Produkte und die Begrenzung gefährlicher Spekulationen. Das daraus resultierende bessere Verständnis in der Bevölkerung, und die höhere Akzeptanz wird im Zusammenspiel der weiteren technologischen Entwicklung einen breiteren Einsatz von Derivaten im ursprünglichen Sinne ermöglichen, zur Sicherung von Risiken. Ein Betreiber eines Getränkestandes auf einer Fanmeile wird künftig wissen und verstehen, wie er sich mit innovativen Instrumenten gegen schlechtes Wetter und gegen ein vorzeitiges Scheitern der deutschen Nationalmannschaft absichern kann, ohne vorher ein Abendstudium der Finanzwissenschaft zu absolvieren. Hierdurch wird ihm die Entscheidung erleichtert, zu investieren, und Kosten in Kauf zu nehmen.

Auf der anderen Seite  wird sich die stärkere Individualisierung der Produktkreationen fortsetzen müssen, die die genauen Anforderungen der Wirtschaft immer gezielter trifft, und bereits jetzt für viele große Unternehmen existenziell und unverzichtbar sind.

Anderen Branchen, deren Preisbildung sich teilweise mehrere Jahrzehnte nicht verändert hat, können die Innovationen des Finanzbereichs perspektivisch Impulse für kreative Preis- und Abrechnungsmodelle oder Produktbundles liefern, wenn die Lerneinheiten der letzten Jahre berücksichtigt werden. In Kombination mit Derivaten sind dann auch Preismodelle denkbar, die dem Konsum weitere Impulse verleihen werden: Hotels die ihren Gästen bei schlechtem Wetter das Geld zurückerstatten, oder Kneipenbesitzer, die die Bierpreise zurückgeben, wenn die deutsche Nationalmannschaft verliert, ohne dabei Umsatzeinbußen in Kauf nehmen zu müssen.

Der Phantasie sind somit auch in der Preisbildung keine Grenzen mehr gesetzt, vorausgesetzt, sie wird verstanden.

Weiterführende Links:

Geschichte der KfW

Definition und Arten von Derivaten

Funktionsweise und Markt von Wetterderivaten

Wetterversicherungen als Entwicklungshilfeprojekt

Aktueller politischer Status im europäischen Parlament

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s